Der FLASHTIMER auf Spurensuche. München vor dreißig Jahren. Die Stadt blüht auf. Rainer Werner Faßbinder und die Bavaria-Filmstudios ("Das Boot") ziehen Schauspielprominenz. Die Musicland-Studios von Giorgio Moroder bringen die weltbesten Musiker in die Stadt, wochenlang: Rolling Stones, Queen, Cher, David Bowie, viele mehr. Licht aus - Spot an: Ilja Richter's DISCO holt alle zwei Wochen Stars an die Isar, ebenso die ZDF-Hitparade von Dieter Thomas Heck. Das Promiclub-Ding entsteht, harte Tür plus Schampus: Das Sugar Shack oder das P1 von Nightlife-Zicke Inge Grandl. Weitere folgten, wobei sich mangels Promis die Pumps- und Gigolo-Fraktion der Einfachkeit halber heute einfach selber feiert. München vibriert, auch kulturell. Neben den klischeetriefenden Anfängen der Münchner Schickeria kommt man an einem Club nicht vorbei: Dem GRÖSSENWAHN, 1979-1991. Der Club, in dem Punk seinen Anfang nahm. Dann der New Wave. Der Elektro. Und auch DJ HELL. Wie das damals funktionierte und ob das heute nochmal funktionieren könnte: Wir haben uns mit GRÖWA-Macher Thomas .... unterhalten.
Erzähl mal, was war das Größenwahn?
Ein Café in Haidhausen, radikal auf 80er Neonoptik gestyled, für langhaarige Freaks, Punks, Dandys, auch Schwule. Da war eines so unerhört wie das andere. In einem Café aßen Omas Kuchen mit Schlagsahne, damals. Das Café GröWa war eine unvorstellbare Zweckentfremdung, einmalig in München. DJs waren noch nicht verbreitet, es liefen selbstproduzierte Cassetten mit Punk, auf denen auch mal Zarah Leander drauf sein konnte. Sehr, sehr freaky.
Wer heute GRÖSSENWAHN sagt, meint meistens das spätere Tanzcafé...>
Weil es näher an der Gegenwart liegt. Es wurde zum Inbegriff der Münchner Subkultur. Da standen DJ HELL und der heutige Optimolwerke-Chef Matthias Scheffel an den Plattenspielern. Spüler war PACHA-Gründer Consti Wahl, die Tür regelte 8SEASONS-Gründer Michi Kern, ULTRASCHALL-Chef DJ Upstart hatte hier sein Wohnzimmer, ERSTE-LIGA-Chef Tobi Lintz fuhr alle paar Tage mit dem Roller vor. Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen, und die Presse machte mit: Bunte, Hörzu, Spiegel, teilweise ganzseitige Reportagen. Viele Künstler, die sich in dem subkulturellen Milieu wohlfühlten, kamen vorbei, wie Duran Duran oder Brian Ferry.
Tanzcafé Größenwahn, Klenzestraße - war das schon der Glockenbach-Hype?
Haha... nein, im Gegenteil! Das war das Glasscherbenviertel der Stadt, "anständige" Leute machten einen Bogen drumrum. Wer hier wohnte, stand nicht oben auf der Erfolgsleiter. Diese Leute waren tolerant und freizügig. Ihnen verdankte der Club das 9jährige Bestehen, und der Yuppiesierung dann das Ende. - Nein: der Hype kam vom Café Gröwa in Haidhausen. Die Eröffnung 1982 erstickte am eigenen Erfolg: Als drei Tage lang hunderte Menschen vor der Tür die gesamte Straße blockierten, mussten wir wieder schließen. Nach drei Tagen wurde klammheimlich wieder eröffnet.
Sag unseren Lesern, wie das geht, damit sie es nachmachen können!
*grins*... Die späten 70er waren eine besondere Zeit. Die Jugend war politischer als heute, viele zeigten das nach außen, als Punks oder Hippies. Indem wir sie zusammenbrachten, entstand eine ganz besondere Stimmung, manchmal explosiv, immer inspirierend. Das Lebensgefühl der 68er ging bis weit in die 80er. Wir Macher waren anfangs 10 Leute, wohnten für je 100 Mark Miete außerhalb in einer WG, einer hatte ein klappriges Auto, um in die Stadt zu kommen. Keiner hatte Kohle, keine Bank hätte uns Freaks einen Cent Kredit gegeben. Verwandtenkredite also, und für Eigenarbeit an der Bar vier Mark pro Stunde. Davon lebten wir. Dafür konnten wir aber auch machen, was wir wollten.
Und das war?
Ein durchgeknallter Halb-Punk-Laden, in dem an manchen Abenden nicht getanzt wurde, weil die Musik zu avantgardistisch war. DJ Jack zum Beispiel mit seiner Stockhausen-mäßigen Elektronika. Nun, und DJ Hell war dafür auch nicht unbekannt...Wenn du heute nochmal 20 wärest...
...dann würde sich das nicht einfach so wiederholen lassen. Erstens die Musik: Es war die Zeit, als der Punk Musik und Lebensgefühl revolutionierte, im Schlepptau New Wave, EBM, Leute wie David Bowie oder Iggie Pop. Ein Zeitalter der Veränderungen. Anfang der 90er gab es mit Techno eine ähnliche Revolution, die wieder eine Generation stark beeinflusste und mit Babalu oder Riem ebenfalls ihre Brennpunkte hatte. Heute sehe ich sowas nicht. Zweitens die Menschen: Sie stehen heute viel mehr unter Druck. Während wir uns in unseren WG's um Lebensqualität und Selbstfindung kümmerten, beschäftigen sie sich heute mit 21 intensiv mit Lebensplanung. Für das, was das GRÖSSENWAHN verkörperte, bleibt kein Verständnis. Beim Weggehen wird einfach nur Druck abgelassen. Sie schalten komplett ab und lassen die Sau raus.
Einspruch! In Berlin klappt es doch auch!
Das ist eine Sondersituation. Durch die Zusammenlegung zweier Hauptstädte ist Berlin extrem pulsierend geworden, mit vielen kreativen Köpfen. Hier kannst du auch was ausprobieren, ohne dich finanziell zu übernehmen, bekommst einen Raum für 400€, für den du hier 1.500€ zahlst. Es gibt abbruchreife Flächen, experimentierfreudigere Leute, und die Behörden legen dir weniger Steine in den Weg. Es stimmt: Dort könnte es funktionieren.
Sugar, P1 - andere Clubs Ende der 70er kennt man kaum. Gab es keine?
Aber klar! Deutlich mehr sogar als um 1990 herum, obwohl die Zielgruppe viel kleiner war.: Erstens gab es die meisten der Musikrichtungen von heute noch gar nicht, zweitens war die aktuelle Musik, also Rock, kaum präsent, im Radio liefen ja nur Schlager. Diskothekenviertel war damals Schwabing: PN, Blow up, das Schwabylon-Submarine. Im damaligen Mainstream ging schon was.
Heute ist München voller Nightlife. Gibt es Clubs, die du als "GRÖSSENWAHN's ERBEN" bezeichnen würdest?
Nein. Ein paar Bars gehen in die Richtung, aber ihnen fehlt der Floor. Was die spannende Mischung der Gäste betrifft, war die ganz alte MilchBar im KPO nah dran. Ein wildes Durcheinander. Wenn ein Laden auf die Trilogie "Saufen, Sex & Rock'n'Roll" aufbaut, muss beim Reingehen der Eindruck da sein: Alles ist möglich. Da haben sich bei mir die Nackenhaare gesträubt, es lag ein Knistern in der Luft. Heute würde ich mich als 50jähriger da eher auch nicht mehr wohl fühlen.
Im einem Ostbahnhof-Technoclub kleben hunderte Marshmallow-Mäuse an den Wänden. Kommt dir das bekannt vor?
Klar. Vom Grössenwahn. Eine Münchner Künstlerin hatte uns diese Installation eingerichtet, zu hunderten krochen weiße Marshmallow-Mäuse aus sämtlichen Lüftungsschlitzen heraus. Da hat wohl einer gezockt...

Thomas Bedall, Jahrgang 1958, war nach dem Grössenwahn noch Mitbegründer des K&K, heute betreibt er im alten Tanzlokal Grössenwahn das MORIZZ. Bild "Abendmahl": Thomas & Mitarbeiter bei der Abdnmahl-Performance, 1985